Artikel: Blend it or leave it
Ein Interview mit Matthias Schultze, Managing Director, GCB German Convention Bureau e.V. zu Blended TravelIn drei bis fünf Jahren sollte Blended Travel fest im Geschäftsreisekosmos verankert sein. Dafür müssen die Rahmenbedingungen klar definiert sein und das Thema in den Geschäftsreiserichtlinien der Unternehmen berücksichtigt werden.
Geschäftsreisen sind längst mehr als die Fahrt zum Termin und zurück. Sie sind Teil veränderter Arbeits- und Lebenswelten. Immer mehr Businessreisende verbinden daher berufliche und private Reiseanlässe, verlängern Dienstreisen um Freizeitaktivitäten oder arbeiten zeitweise von anderen Orten aus. Das passiert aber nicht nur in eine Richtung: Wer Geschäftsreisen aus Sicht der Reisenden neu denkt, schafft Wachstum für Unternehmen, Travel Manager und die gesamte Branche.
Unter dem Oberbegriff Blended Travel werden verschiedene Formen dieser Entwicklung zusammengefasst. Dazu zählt insbesondere Bleisure Travel (Business + Leisure), bei dem eine dienstliche Reise privat verlängert wird. Eine weitere Ausprägung ist die Workation (Work + Vacation), bei der von einem Urlaubs- oder Wunschort aus gearbeitet wird. Welche Chancen und Herausforderungen daraus für Unternehmen, Reisende und nachhaltige Mobilität mit der Bahn entstehen, erläutert Matthias Schultze, Managing Director beim German Convention Bureau (GCB) und Mitbegründer der blend_it!-Initiative, im nachfolgenden Interview:
Motivation zur Gründung von blend_it!
Wozu braucht es einen Blended Travel Hub? Was finden Sie persönlich spannend am Thema Blended Travel? Wie sind Ihre eigenen Erfahrungen?
Berufliche Mobilität befindet sich im Wandel: Mitarbeitende fordern heute mehr Flexibilität, individuelle Gestaltungsmöglichkeiten und eine bessere Balance zwischen Arbeit und Privatleben. Die Vermischung von Geschäfts- und Freizeitanteilen auf Reisen gewinnt an Bedeutung. Schon 2023 hatte laut IPK World Travel Monitor mehr als jede dritte internationale Geschäftsreise nach Deutschland einen Blended-Anteil und auch in den deutschen Unternehmen steht das Thema längst auf der Agenda: Über die Hälfte (55 Prozent, VDR-Geschäftsreiseanalyse 2025) beschäftigt sich mit Blended-Travel-Konzepten, zeigt dabei jedoch oft eine ambivalente Haltung – sichtbar zum Beispiel in widersprüchlichen Reiserichtlinien. Genau vor diesem Hintergrund haben wir, das GCB German Convention Bureau e.V. gemeinsam mit dem Verband Deutsches Reisemanagement e.V. (VDR), die Initiative „blend_it! Der Blended Travel Hub“ ins Leben gerufen. Wir wollen Blended Travel als zukunftsweisendes Konzept im deutschen Geschäftsreise-Ökosystem verankern, Unternehmen wie Destinationen Orientierung geben und so Deutschlands Attraktivität als Geschäfts- und MICE-Reiseziel weiter stärken.
Ende des Expander-Inhaltes
These: „Blended Travel als Chance für eine neue Mobilitätskultur“. Was bedeutet das konkret – und warum ist der klassische, rein effizienzgetriebene Geschäftsreisende ein veraltetes Modell?
Betrachten wir den internationalen Geschäftsreisemarkt rein quantitativ, so sind klassische Geschäftsreisen weiterhin rückläufig. Reisen zu Messen, Meetings und Seminaren, Kongressen und Incentives – die sogenannten MICE-Reisen also – bleiben stabil: sie machten 2025 mit 64 Prozent den überwiegenden Teil internationaler Geschäftsreisen nach Deutschland aus (IPK World Travel Monitor). Hier liegt also ein wesentlicher Hebel für Blended Travel. New Work, worunter sich auch Blended Travel einordnen lässt, erfordert darüber hinaus natürlich auch neue, nachhaltige Ansätze im Bereich Mobilität. Das reicht von der Vernetzung im urbanen Raum über die Anbindung eher ländlicher, aber für Blended Traveller nicht minder attraktiver Regionen bis hin zur Frage, welche Bedürfnisse Geschäftsreisende haben, um bei Bedarf auch die An- und Abreise effektiv als Arbeitszeit und -ort nutzen zu können.
Ende des Expander-Inhaltes
These: „Mitarbeitende statt Prozesse als Maßstab für sinnvolle Mobilität“. Wie verändert diese Perspektive die Anforderungen an Buchungssysteme, Flexibilität und Compliance in Unternehmen?
Diese Fragestellungen wurden im Rahmen des Blended Travel Summit intensiv mit Vertreter:innen aus Unternehmen, Travel Management, Technologie, Destinationen und Verbänden diskutiert. Die Diskussion zeigte deutlich, dass eine mitarbeiterzentrierte Perspektive neue Anforderungen an Reiserichtlinien, Buchungssysteme, Compliance und Kommunikationsprozesse stellt.
Aus den identifizierten Herausforderungen wurden konkrete Handlungsfelder abgeleitet, die nun im Rahmen der blend_it! Initiative weiterentwickelt und bearbeitet werden. Sie adressieren insbesondere die Frage, wie Unternehmen mehr Flexibilität für Mitarbeitende ermöglichen können, ohne dabei Rechtssicherheit, Compliance oder Prozessqualität zu gefährden. Gleichzeitig wird deutlich, dass bestehende Buchungs- und Abrechnungssysteme künftig stärker in der Lage sein müssen, dienstliche und private Reiseanteile integriert, transparent und regelkonform abzubilden, um Mitarbeitenden eine unkomplizierte und zugleich rechtssichere Nutzung von Blended Travel zu ermöglichen.
Ende des Expander-Inhaltes
Kann Blended Travel Wachstumsimpulse für die Geschäftsreisebranche geben? Wenn ja, über welche Hebel (z. B. höhere Reisebereitschaft, längere Aufenthalte, Premium-Nachfrage)?
Laut einer neuen Studie des Bayerischen Zentrums für Tourismus gemeinsam mit der Initiative blend_it! haben mehr als 10 Millionen deutsche Geschäftsreisende schon einmal eine beruflich motivierte Reise mit einem privaten Aufenthalt kombiniert. Das Potenzial liegt bei weiteren knapp 10 Millionen Menschen – also diejenigen, die zwar beruflich reisen, bislang aber noch keine solche private Verlängerung realisiert haben. Dass Blended Travel auch die Motivation für Geschäftsreisen stärken kann, zeigt eine weitere Zahl: 48 % der Befragten stimmen eher oder voll und ganz zu, dass sie häufiger geschäftlich reisen, weil sie ihre Geschäftsreisen mit einem privaten Aufenthalt verbinden können. Die Möglichkeit, eine Geschäftsreise privat zu verlängern, beeinflusst dabei auch die Reiseplanung selbst: 27 % der Geschäftsreisenden geben an, dass sie ihre Planung dadurch stark oder sehr stark beeinflussen lassen. Weitere 35 % sehen einen teilweisen Einfluss. Damit wird Blended für die Mehrheit zumindest teilweise zu einem relevanten Faktor bei der Planung von Geschäftsreisen. Auch ein Blick auf die durchschnittliche Aufenthaltsdauer verdeutlicht, dass der private Teil der Reise (3,1 Nächte) nicht signifikant kürzer ist als der berufliche (4,3 Nächte) und somit erhebliche Chancen für alle Leistungsträger in einer Destination bietet – darunter Hotellerie, Gastronomie und vielfältige touristische Anbieter. 616 Euro geben die Reisenden durchschnittlich zusätzlich zur Geschäftsreise aus. Wichtiger Treiber ist hier wiederum das MICE-Segment, denn 55 Prozent aller Blended-Reisen finden anlässlich des Besuchs eines Business Events statt. Die stärksten Gründe für die private Verlängerung der Geschäftsreise liegen dabei übrigens im kulturellen und urbanen Angebot Deutschlands. Dort, wo Meetings und Events auf attraktive Angebote, Kultur und Erlebnisräume treffen, entsteht ein messbarer Mehrwert für das Reiseland Deutschland.
Ende des Expander-Inhaltes
Summit-Impuls:
In Ihrer Keynote am 17.09. in Frankfurt werden Sie das Motto „Erleben, was Geschäftsreisen einfach macht“ aufgreifen. Worauf können sich die Teilnehmenden freuen, das in der Praxis wirklich hilft? Welche Learnings gab es aus dem Blended Travel Summit Mitte Juli in Frankfurt?
Der erste Blended Travel Summit hat gezeigt, wie unverzichtbar der Dialog zwischen Nachfrage- und Angebotsseite ist – nur gemeinsam können wir tragfähige Lösungen für die Praxis entwickeln. Dazu gehören unter anderem rechtssichere Musterregelungen für Unternehmen, die Verankerung von Blended Travel in Reiserichtlinien, die technische Integration in bestehende Buchungs- und Abrechnungssysteme sowie ein engerer Schulterschluss zwischen Unternehmen, Technologieanbietern und Destinationen.
Nice to have oder Antwort
Kann Blended Travel Wachstumsimpulse für die Geschäftsreisebranche geben? Wenn ja, über welche Hebel (z. B. höhere Reisebereitschaft, längere Aufenthalte, Premium-Nachfrage)?
Laut einer neuen Studie des Bayerischen Zentrums für Tourismus gemeinsam mit der Initiative blend_it! haben mehr als 10 Millionen deutsche Geschäftsreisende schon einmal eine beruflich motivierte Reise mit einem privaten Aufenthalt kombiniert. Das Potenzial liegt bei weiteren knapp 10 Millionen Menschen – also diejenigen, die zwar beruflich reisen, bislang aber noch keine solche private Verlängerung realisiert haben. Dass Blended Travel auch die Motivation für Geschäftsreisen stärken kann, zeigt eine weitere Zahl: 48 % der Befragten stimmen eher oder voll und ganz zu, dass sie häufiger geschäftlich reisen, weil sie ihre Geschäftsreisen mit einem privaten Aufenthalt verbinden können. Die Möglichkeit, eine Geschäftsreise privat zu verlängern, beeinflusst dabei auch die Reiseplanung selbst: 27 % der Geschäftsreisenden geben an, dass sie ihre Planung dadurch stark oder sehr stark beeinflussen lassen. Weitere 35 % sehen einen teilweisen Einfluss. Damit wird Blended für die Mehrheit zumindest teilweise zu einem relevanten Faktor bei der Planung von Geschäftsreisen. Auch ein Blick auf die durchschnittliche Aufenthaltsdauer verdeutlicht, dass der private Teil der Reise (3,1 Nächte) nicht signifikant kürzer ist als der berufliche (4,3 Nächte) und somit erhebliche Chancen für alle Leistungsträger in einer Destination bietet – darunter Hotellerie, Gastronomie und vielfältige touristische Anbieter. 616 Euro geben die Reisenden durchschnittlich zusätzlich zur Geschäftsreise aus. Wichtiger Treiber ist hier wiederum das MICE-Segment, denn 55 Prozent aller Blended-Reisen finden anlässlich des Besuchs eines Business Events statt. Die stärksten Gründe für die private Verlängerung der Geschäftsreise liegen dabei übrigens im kulturellen und urbanen Angebot Deutschlands. Dort, wo Meetings und Events auf attraktive Angebote, Kultur und Erlebnisräume treffen, entsteht ein messbarer Mehrwert für das Reiseland Deutschland.
Ende des Expander-Inhaltes
Wo steht Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern als Anwender von Blended Travel (Destination, Unternehmenskultur, Lebensphilosophie)?
Deutschland ist im internationalen Vergleich bereits sehr gut als Blended-Destination positioniert. Laut IPK World Travel Monitor wurden 2023 weltweit 53 % der Geschäftsreisen mit einem privaten Aufenthalt verbunden – Blended Travel ist damit längst kein Nischenphänomen mehr. Deutschland belegte dabei Platz 3 der wichtigsten globalen Reiseziele für Blended Travel, hinter den USA und Mexiko. Die starke Position Deutschlands lässt sich dabei nicht nur auf das hohe Geschäftsreiseaufkommen zurückführen. Auch das breite kulturelle und touristische Angebot sowie die gute Erreichbarkeit innerhalb des Landes schaffen attraktive Voraussetzungen, um eine Geschäftsreise mit einem privaten Aufenthalt zu verbinden. Laut IPK World Travel Monitor führte 2023 jede zehnte weltweite Geschäftsreise nach Deutschland; von den Geschäftsreisenden nach Deutschland nutzten 34 % die Möglichkeit einer Blended-Reise.Damit bringt Deutschland als Destination bereits wichtige Voraussetzungen für Blended Travel mit, sowohl aus Sicht der internationalen Nachfrage als auch hinsichtlich des Angebots vor Ort.
Ende des Expander-Inhaltes
Wo sehen Sie Blended Travel in 3-5 Jahren? Was sind die nächsten Schritte? Was wäre der nächste große Schritt? Welche Rolle wird die Bahn dabei im Vergleich zu Flug oder Auto spielen?
In drei bis fünf Jahren sollte Blended Travel fest im Geschäftsreisekosmos verankert sein. Dafür müssen die Rahmenbedingungen klar definiert sein und das Thema in den Geschäftsreiserichtlinien der Unternehmen berücksichtigt werden. Auch technologisch sind die Voraussetzungen zunehmend vorhanden: Buchungstools können berufliche und private Reiseanteile differenzieren und transparent abrechnen. Darauf aufbauend können entsprechende Angebote entwickelt und klar definiert werden. Mit Blick auf den fortschreitenden demografischen Wandel und das Bedürfnis der Unternehmen, Mitarbeitende und Fachkräfte langfristig zu binden, dürfte die Möglichkeit, Geschäftsreisen flexibel mit privaten Aufenthalten zu verbinden, weiter an Bedeutung gewinnen. Auch die Wahl des Verkehrsmittels spielt dabei eine wichtige Rolle. Laut der RA Business werden bereits heute 52 % der Reisen in Deutschland zu Terminen oder Veranstaltungen mit der Bahn durchgeführt. Gerade für den privaten Teil einer Reise bietet die Bahn ein flexibles Transportmittel mit guter Anbindung. Unterschiedliche Pricing-Modelle für vielfältige Reisesituationen könnten dabei künftig zusätzlich dazu beitragen, die Bahn für Blended Travel attraktiv zu machen.
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